Ökonom Youssef Souidi und Redakteur Thomas Vonderscher veröffentlichen «Nouvelle cartographie électorale de la France», eine detaillierte Analyse der Stimmen pro Wahllokal gekreuzt mit INSEE-Sozialdaten. Vor der Präsidentschaftswahl 2027 nuanciert das Buch geographische Spaltungen und skizziert ein sich entwickelndes Wählerbild. Es hebt das Ende des Mehrheitsmusters und eine etablierte Dreiteilung hervor, mit einer fragilen Macron-Basis.
Die Wahlkartographie, eine Disziplin, die mindestens auf den Soziologen André Siegfried (1875-1959) und sein 1913 erschienenes Buch «Tableau politique de la France de l’Ouest sous la IIIᵉ République» zurückgeht, fasziniert weiterhin Wähler, Strategen und Kommentatoren. Vor der Präsidentschaftswahl 2027 erzielen Youssef Souidi und Thomas Vonderscher in ihrem Buch «Nouvelle cartographie électorale de la France» (Textuel, 304 Seiten, 24 Euro) beispiellose Präzision. nnAngelehnt an «Une histoire du conflit politique» von Julia Cagé und Thomas Piketty (Seuil, 2023), das die kommunale Ebene von 1789 bis 2022 untersucht, kreuzen die Autoren die Ergebnisse von rund 70.000 französischen Wahllokalen mit INSEE-Sozialdaten. Dieser Ansatz liefert ein granulaires Porträt des Wählertums und räumt mit Missverständnissen auf, die politische Narrative befeuern. nnDas Buch relativiert Debatten über tiefe geographische Brüche und zeichnet ein politisches Landschaftsbild, das durch das Ende des Mehrheitsmusters geprägt ist. Eine Dreiteilung erscheint fest etabliert, wenngleich die macronistische Wählerbasis zerbrechlich wirkt. Die Autoren nennen vier «swing circos», entscheidende Wahlkreise. nnSie konzentrieren sich auf die Lebensbedingungen der Wähler statt auf ihren Wohnort. Beim Wählerklientel des Rassemblement national (RN) spricht die Rechtsextreme einen signifikanten Teil der Mittelschicht an. Die RN-Stimmen wurzeln weniger in spezifischen Territorien wie ländlichen Gebieten oder Vororten mittelgroßer Städte, sondern in Bedingungen, die durch Distanz zu alltäglichen Dienstleistungen gekennzeichnet sind. Diese Wahl trifft oft in Wahllokalen zu, in denen die Bewohner keine tägliche Erfahrung der Koexistenz mit Immigrantenschaften haben.