Die kubanische Schriftstellerin Lien Estrada reflektiert über ein kritisches Video, das Kubaner für ihr eigenes Elend unter der aktuellen Regierung verantwortlich macht. In ihrem Tagebuch fragt sie, ob das Volk vollständig für die jahrzehntelange Unterdrückung verantwortlich ist. Sie verspricht, trotz der Spaltungen freundlicher zu ihren Landsleuten zu sein.
In einem auf Havana Times veröffentlichten Tagebucheintrag beschreibt Lien Estrada, wie sie auf einen Reel aus der Sendung „El 4tico“ stößt, einem kritischen Format, das auf der Insel produziert wird und Alltagsrealitäten wie Stromausfälle, Elend und Hunger anprangert. Das Video, gedreht in einem improvisierten Raum mit geflickten Ventilatoren und Wänden, die mit Zeitungen beklebt sind, zeigt junge Leute, die Wahrheiten über die kubanische Gesellschaft rappen.
Der Reel konzentriert sich auf den „modernen Kubaner“ und argumentiert, dass „der Feind eines Kubaners ein anderer Kubaner“ ist. Die Moderatoren nennen sie eine „Bande von Feiglingen“, Lügner, Scharlatane und elende Schurken, die nicht für die Unabhängigkeit gekämpft haben, sondern dazu dressiert wurden, Marionetten einer Regierung zu sein, die aus dem Volk entsteht und dank ihm überlebt. Estrada anerkennt die ausbeuterische Tyrannei des kommunistischen Regimes, fragt aber, ob die gesamte Verantwortung bei den Bürgern liegt.
Sie erinnert sich an einen Kommentar einer Freundin: „Ein Monster wie Fidel konnte nur von einem Volk wie den Kubanern hervorgebracht werden“. Als Reaktion schreibt Estrada in die Videokommentare: „Wir haben die Täuschung eines diktatorischen Systems erlitten… sollen wir wie Europäer, Amerikaner oder Japaner reagieren?“. Sie argumentiert, dass gegenseitige Schuldzuweisungen nicht hilft und dass das diktatorische System Verhaltensweisen wie die Nachbarschaftsüberwachung aus Angst geprägt hat.
Estrada schließt daraus, dass statt Selbstgeißelung besser Güte gegenüber Landsleuten gefördert wird, die das Unglück geteilt haben. „Was ich mir nach dem Anschauen dieses Reels versprochen habe, ist, freundlicher zu meinen Landsleuten zu sein, ob sie nun wie ich denken oder nicht“, schreibt sie und erkennt die Lebenskraft derer an, die mehr verloren haben.