Das Horn von Afrika wird oft als Schauplatz humanitärer Krisen und anhaltender Konflikte betrachtet. Diese Sichtweise übersieht jedoch einen entscheidenden Wandel: Die Region wird zu einem Testgelände für die Geoökonomie des 21. Jahrhunderts, in dem Handelsrouten, Häfen, Investitionen und Infrastrukturfinanzierungen zunehmend den politischen Einfluss bestimmen. Vom Bab el-Mandeb-Straße bis ins Landesinnere Äthiopiens gelegen, befindet sich das Horn am Schnittpunkt des globalen Handels und der Rivalitäten großer Mächte.
Das Horn von Afrika dient als kritisches Fallbeispiel für moderne Dynamiken. Der Rotsee-Korridor verbindet Europa und Asien und bewältigt einen großen Teil des globalen Schiffsverkehrs und der Energieversorgung. Jüngste Angriffe auf Schiffe haben die Markversicherungsprämien in die Höhe getrieben. Dschibuti, strategisch am Eingang des Korridors positioniert, beherbergt Militäreinrichtungen der USA, Chinas, Frankreichs und anderer, während es als zentraler Logistikstandort für das landumschlossene Äthiopien dient. Diese Überlappung militärischer Präsenz und kommerzieller Einrichtungen unterstreicht die Geoökonomie als mächtigen Hebel des Einflusses.
Äthiopien, demographischer und wirtschaftlicher Führer der Region mit über 120 Millionen Einwohnern und ambitionierten Industrialisierungsplänen, hängt seinen Fortschritt vom Zugang zum Meer ab. Die starke Abhängigkeit von den Häfen Dschibutis hat eine strategische Schwäche und ein Instrument geopolitischer Verhandlungen geschaffen. Bemühungen um alternative Seewege haben Spannungen mit Eritrea und Somalia verschärft und zeigen, wie wirtschaftliche Bedürfnisse politische Konflikte verschärfen können. Im Horn von Afrika geht der Hafen-Zugang über Entwicklungsfragen hinaus und berührt Souveränität und nationale Identität.
Globale Akteure haben diese Dynamik schnell erkannt. Chinas Belt and Road Initiative hat Milliarden in Häfen, Eisenbahnlinien und Industriezonen investiert, einschließlich der Bahnlinie Addis Abeba-Dschibuti. Für Peking sichert diese Finanzierung Versorgungswege, entlastet Überkapazitäten und schafft politische Bindungen. Kritiker heben Schuldenfallen und übermäßigen Einfluss hervor, doch für die dringend bedürftigen Horn-Staaten kommen chinesische Mittel prompt und mit weniger politischen Bedingungen als westliche Alternativen. Dies ergibt einen nuancierten Abwägung, bei dem wirtschaftliche Gewinne strategische Risiken begleiten.
Golfstaaten sind ebenfalls zu wichtigen geoökonomischen Akteuren aufgestiegen. Die VAE, Saudi-Arabien und Katar haben in Häfen, Landwirtschaft und Telekommunikation in Somalia, Sudan und Eritrea investiert. Ihre Ziele verbinden Geschäftsinteressen mit Sicherheitsvorrang, wie Lebensmittelversorgung und Ruhe im Roten Meer. Das Horn erweitert nun Golf-Rivalitäten, wobei Hafenabkommen und Hilfen als Einflussinstrumente dienen. Wenn Golfstreitigkeiten in lokale Angelegenheiten sickern, geraten vulnerable Staaten zwischen rivalisierenden Gönnern in die Zange.
Die USA und Europa, historisch zentral für die regionale Sicherheit, navigieren nun in einer belebteren Arena. Ihr Fokus auf Antiterrorismus und Hilfe bleibt essenziell, hinkt aber den geoökonomischen Ansätzen der Konkurrenz hinterher. Handel, Investitionen und Finanzierung sind von Randthemen zu zentralen geopolitischen Assets geworden. Westliche Akteure müssen wirtschaftlich mitwirken, ohne vergangene exploitative oder eng strategische Muster zu wiederholen, die lokale Ressentiments geschaffen haben.
Dennoch wird das geoökonomische Potenzial des Horns durch innere Schwächen eingeschränkt. Konflikte im Sudan, anhaltende Unruhen in Somalia und anhaltende Äthiopien-Eritrea-Spannungen schrecken Investitionen ab und behindern Handelswege. Klimawandel verschärft dies, indem Dürren und Ressourcenkonkurrenz um Land und Wasser zunehmen. In diesem Kontext reichen Infrastrukturen allein nicht für Stabilit. Ohne umfassende Governance und grenzüberschreitende Kooperation könnten wirtschaftliche Vorhaben neue Spaltungen statt fester Friedensgrundlagen schaffen.
Regionale Integration ist daher unerlässlich. Die Horn-Nationen sind wirtschaftlich verknüpft, anerkannt oder nicht. Handelswege, Energienetze und digitale Systeme überschreiten Grenzen. Institutionen wie die Intergovernmental Authority on Development (IGAD) könnten Konflikte lösen und Wachstumspläne angleichen, obwohl ihr Potenzial ungenutzt bleibt. Eine kollektive wirtschaftliche Integrationsperspektive könnte Rivalitäten in gegenseitige Vorteile umwandeln.
Das Horn von Afrika steht vor einer entscheidenden Wahl. Es könnte als Arena bleiben, in der globale Mächte über Häfen und Außenposten Kontrolle ausüben, oder zu einem verbindenden Knotenpunkt werden, der seine Lage für kollektives Wohlergehen nutzt. Die Geoökonomie wird die Geopolitik weiter formen; die Frage ist, ob sie Abhängigkeit und Streit vertieft oder Resilienz und Partnerschaft aufbaut. Für Führer, Unterstützer und Bewohner ist die Lehre klar: Im Horn geht es bei der Ökonomie nicht nur um Wachstum, sondern um Autorität, Harmonie und die globale Rolle der Region.