Jüdische gemeinde reagiert gemischt auf neues wehrdienstgesetz

Der Zentralrat der Juden in Deutschland begrüßt das seit Januar geltende Wehrdienstgesetz als notwendige Modernisierung der Verteidigung. Die Jüdische Studierendenunion sieht die Debatte jedoch als teilweise realitätsfern und warnt vor der Normalisierung von Militarismus. Diese unterschiedlichen Positionen spiegeln die komplexe deutsche Geschichte wider.

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, betonte gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND): „Spätestens der russische Angriffskrieg auf die Ukraine hat gezeigt, dass Deutschland seine Sicherheit nicht länger an seine Verbündeten auslagern kann.“ Er unterstützt den Kurs der Bundesregierung und die Modernisierung des Wehrdienstes, da eine starke militärische Abschreckung Kriegsvermeidung ermögliche. Diese Haltung entspricht einem Positionspapier des Zentralrats aus dem Herbst letzten Jahres.

Die deutsche Geschichte prägt die Debatte jedoch stark. Unter der NS-Herrschaft galten Juden als „wehrunwürdig“, und sechs Millionen wurden ermordet. Nach 1949 konnten Juden mit Vorfahren aus der Schoa bis 2011 auf Antrag vom Wehrdienst befreit werden. 2019 schloss der Zentralrat einen Militärseelsorge-Vertrag mit der Bundesrepublik, der 2020 gesetzlich flankiert wurde. Seit 2024 gibt es ein Militärrabbinat, das der Zentralrat als „Meilenstein“ seit der NS-Diktatur und den Verbrechen der Wehrmacht bezeichnet.

Trotzdem bleibt Skepsis bestehen. Militärrabbiner Shmuel Havlin schätzt die Zahl jüdischer Soldaten 2024 auf rund 400. Von den etwa 200.000 Mitgliedern der jüdischen Gemeinde sind nur eine niedrige vierstellige Zahl 18 Jahre alt und für den zunächst freiwilligen Wehrdienst geeignet.

Ron Dekel, Vorsitzender der Jüdischen Studierendenunion (JSUD), kritisierte dem RND: „Die Wehrpflicht-Debatte wirkt teilweise realitätsfern. Es fehlt die Lebensrealität jener jungen Menschen im wehrpflichtigen Alter, die Migrationshintergrund besitzen oder deren familiäre Geschichte und Identität besondere Erfahrungen mit deutscher Staatsgewalt einschließt.“ Er wies auf wachsenden Rassismus hin und erinnerte an jüdische Kriegsbeteiligung im Ersten Weltkrieg, die Antisemitismus nicht aufhob. Dekel forderte Alternativen zum bewaffneten Dienst.

Das Positionspapier des Zentralrats fordert bei einer möglichen Wiedereinführung der Wehrpflicht eine vereinfachte Regelung für Ersatzdienst. Felix Klein, Beauftragter für jüdisches Leben, sagte: „Die jüdische Gemeinschaft ist der Bundeswehr so eng verbunden wie nie zuvor.“ Ende Februar findet in Hamburg ein nicht-öffentlicher Jugendkongress mit Diskussion zum Wehrdienst statt.

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