Der einflussreiche deutsche Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas ist am Samstag im Alter von 96 Jahren in Starnberg verstorben. Der Suhrkamp Verlag bestätigte den Tod unter Berufung auf die Familie. Politiker und Intellektuelle würdigen den Meisterdenker für seinen Beitrag zur demokratischen Debatte.
Jürgen Habermas, geboren am 18. Juni 1929 in Düsseldorf, prägte die deutsche Geistesgeschichte als Vertreter der zweiten Generation der Frankfurter Schule. Seine Karriere begann in den 1950er Jahren am Institut für Sozialforschung in Frankfurt bei Max Horkheimer und Theodor W. Adorno. Er promovierte 1954 in Bonn mit einer Arbeit über Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und habilitierte sich 1961 in Marburg mit 'Strukturwandel der Öffentlichkeit', einem bis heute als bahnbrechend geltenden Werk über gesellschaftskritische Grundlagen demokratischer Traditionen. 1964 übernahm er Horkheimers Lehrstuhl für Philosophie und Soziologie an der Universität Frankfurt, den er bis 1971 innehatte, einer Zeit der Studentenproteste. In den 1970er Jahren leitete er Max-Planck-Institute in Bayern, bevor er 1983 nach Frankfurt zurückkehrte und bis zu seiner Emeritierung 1994 lehrte. In seinen späteren Jahren lebte er am Starnberger See, war seit 1955 verheiratet und hatte drei Kinder. Zu seinen Hauptwerken zählen 'Erkenntnis und Interesse' (1968), das betont, dass Erkenntnis von Interessen abhängt, und 'Theorie des kommunikativen Handelns' (1981), das die normsetzenden Grundlagen der Gesellschaft in der Sprache sieht. 2019 veröffentlichte er das umfangreiche 'Auch eine Geschichte der Philosophie' mit 1750 Seiten über das Verhältnis von Glauben und Wissen. Habermas engagierte sich politisch in Themen wie Studentenbewegung, Wiedervereinigung, NATO-Einsätzen, Terrorismus, Bankenkrise und jüngst Corona, Ukraine-Krieg sowie Nahost-Konflikt. Biograf Stefan Müller-Doohm erklärte, die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs habe sein Engagement für Demokratie geprägt. Roman Yos beschrieb ihn als 'sehr rege, sehr wach, geistig punktgenau fixiert'. Nach seinem Tod äußerten sich zahlreiche Persönlichkeiten. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nannte ihn 'großen Aufklärer', der das Ethos des demokratischen Diskurses lehrte. Bundeskanzler Friedrich Merz sprach von einem 'Leuchtfeuer in tosender See'. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer lobte seine Diskurstheorie als Gehäuse für offenen Meinungsstreit. Gregor Gysi sah in ihm den 'größten Philosophen Deutschlands in vielen Jahrzehnten'. Ministerpräsident Boris Rhein betonte die Verbundenheit mit Hessen und Frankfurt, Hendrik Wüst die Kraft der Vernunft. Rainer Forst urteilte, sein Werk sei 'einzigartig'.