Der Ökonom Achim Truger sieht die aktuelle Debatte um die Rentenversicherung als maßlos übertrieben an. In einem Interview äußert er Bedenken hinsichtlich schwacher Exporte für 2026, erwartet aber einen Schub durch staatliche Investitionen. Er plädiert für eine breitere Betrachtung der Care-Ökonomie in der Altersvorsorge.
Achim Truger, 56-jähriger Professor für Soziökonomie an der Universität Duisburg-Essen und Mitglied im Sachverständigenrat Wirtschaft, blickt in einem Interview auf die deutsche Wirtschaft für 2026. Die schwachen Exporte seit 2022 bereiten ihm größte Sorge: „Erst kam Corona mit der Unterbrechung der Lieferketten, dann der Energiepreisschock. Jetzt kommt Donald Trump mit seinen Zöllen – und damit eng verbunden steckt die Industrie in einer tiefen Krise. Hinzu kommt China mit seiner neu gewonnen Wettbewerbsfähigkeit und seinen massiven Subventionierungen.“ Diese Krise sei ungewöhnlich, da Exporte normalerweise die Wirtschaft aus Rezessionen holen, diesmal jedoch ein anhaltender Abwärtstrend bestehe.
Positiv stimmt Truger das Finanzpaket der Bundesregierung: „Ich erwarte einen ordentlichen Schub durch das Finanzpaket der Bundesregierung. Neben den kreditfinanzierten Verteidigungsausgaben dürften Teile des Infrastruktur-Sondervermögens ihre Wirksamkeit entfalten. Ich denke da an den Straßen- und Schienenbau.“ Maßnahmen wie der Investitionsbooster, verbesserte Abschreibungen, höhere Forschungszulage und der Industriestrompreis sowie die Überweisung erster Tranchen aus dem Sondervermögen an Länder und Kommunen sollen Impulse setzen. Steigende Realeinkommen könnten den privaten Konsum beleben.
Zur Rentendebatte warnt Truger: „Die ganze Debatte um die Rente halte ich aber für komplett übertrieben.“ Trotz demografischer Herausforderungen – mehr Ältere, weniger Jüngere – sehe er Stabilisierungsmöglichkeiten durch höhere Beiträge, Einbeziehung unversicherter Selbstständiger, längeres Renteneintrittsalter, gesteigerte Frauenerwerbstätigkeit und Zuwanderung. Er kritisiert den Vorschlag, das Rentenalter an Beitragsjahren zu koppeln, da dies Frauen belasten würde: „Aber daran stört mich, dass Frauen stark belastet würden, weil sie meist größere Unterbrechungen in der Erwerbsbiografie haben.“ Stattdessen fordert er Anerkennung der Care-Ökonomie, wie Großelternbetreuung von Kindern oder ehrenamtliche Arbeit, die intergenerationelle Solidarität fördere. Eine absinkende Sicherungsniveau unter 42 Prozent würde zu mehr Grundsicherungsabhängigkeit führen und Verunsicherung schüren, die der Konjunktur schade.
Truger lehnt eine vorzeitige Senkung der Körperschaftsteuer ab: „Das ist eine totale Schnapsidee.“ Zu Feiertagen: „Eindeutig nein“, da deren Auswirkungen überbewertet seien und derzeit Unterauslastung das Problem darstelle.