Hunderte Filmschaffende haben in einem offenen Brief ihre Unterstützung für Berlinale-Chefin Tricia Tuttle erklärt und warnen vor politischer Einflussnahme. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat eine außerordentliche Aufsichtsratssitzung einberufen, in der über Tuttles Zukunft entschieden werden könnte. Der Brief betont die Bedeutung künstlerischer Freiheit inmitten von Debatten zum Nahostkonflikt.
Knapp 700 Filmschaffende, darunter Tom Tykwer, Tilda Swinton und Todd Haynes, haben einen offenen Brief unterzeichnet, der von einer Filmagentur verbreitet wurde. Darin äußern sie Sorge über die Debatten um die Berlinale und fordern den Schutz künstlerischer Freiheit und institutioneller Unabhängigkeit. „Wenn in einer außerordentlichen Sitzung über die Zukunft der Festivalleitung entschieden wird, steht mehr auf dem Spiel als eine Personalfrage. Es geht um den Umgang mit künstlerischer Freiheit und institutioneller Unabhängigkeit“, heißt es im Schreiben.
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat für Donnerstag, den 26. Februar 2026, eine außerordentliche Aufsichtsratssitzung der Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH einberufen. Laut Berichten der „Bild“-Zeitung könnte die US-Amerikanerin Tricia Tuttle, die die Berlinale seit 2024 leitet, vorzeitig abberufen werden. Weder Weimers Sprecher noch die Berlinale haben sich dazu geäußert.
Die Deutsche Filmakademie und die Europäische Filmakademie haben sich ebenfalls hinter Tuttle gestellt. Die Deutsche Filmakademie, vertreten durch Vicky Krieps und Florian Gallenberger und unterzeichnet von Persönlichkeiten wie Iris Berben, Margarethe von Trotta, Wim Wenders und İlker Çatak, warnte vor politischer Einflussnahme und appellierte an die Verantwortlichen, die Unabhängigkeit der Berlinale zu wahren. „Dieser Versuch der Einmischung ist ein gefährliches Signal, das weit über das Festival hinausreicht“, hieß es in ihrem Schreiben.
Während der Berlinale 2026 gab es Kontroversen zum Nahostkonflikt. Filmschaffende wie Swinton und Javier Bardem kritisierten in einem Brief die Haltung des Festivals zum Gazakrieg. Eine Rede des syrisch-palästinensischen Regisseurs Abdallah Alkhatib, in der er der Bundesregierung vorwarf, Partner „des Völkermords im Gazastreifen“ zu sein, führte zu Protesten; Umweltminister Carsten Schneider verließ den Saal. Israels Regierung und die Bundesregierung weisen den Völkermordvorwurf zurück und betonen Selbstverteidigung nach dem Terrorangriff vom 7. Oktober 2023.
Der Unterstützerbrief hebt hervor, dass kritisierten Äußerungen von eingeladenen Gästen stammen und nicht von der Leitung. „Wenn aus einzelnen Wortmeldungen oder symbolischen Deutungen personelle Konsequenzen abgeleitet werden, entsteht ein problematisches Signal: Kulturinstitutionen geraten unter politischen Erwartungsdruck“, warnen die Unterzeichner. „Wenn jede Kontroverse institutionelle Konsequenzen nach sich zieht, wird aus Diskurs Kontrolle.“