Der Anwalt der Familie von Kasia Lenhardt hat die ARD-Dokumentation »Being Jérôme Boateng« als geschmacklos und grausam bezeichnet. Die Angehörigen sind entsetzt über die Darstellung, wollen aber nicht öffentlich reagieren, um Boateng nicht zu heroisiieren. Die Kritik richtet sich gegen die Instrumentalisierung von Lenhardts Schicksal und fehlende Transparenz.
Die ARD-Dokumentation »Being Jérôme Boateng« stößt seit ihrer Veröffentlichung vor wenigen Wochen auf scharfe Kritik. Der Fußballer Jérôme Boateng wurde 2024 wegen Körperverletzung an der Mutter seiner Kinder rechtskräftig verurteilt, doch die Sendung werde dies als nebensächlich behandeln, kritisiert Medienrechtler Markus Hennig. Er vertritt die Familie von Boatengs Ex-Freundin Kasia Lenhardt, die dem Star ebenfalls Gewalt vorwarf. Die Ermittlungen gegen Boateng wurden in diesem Jahr wegen mangelnden Tatverdachts eingestellt, Lenhardt starb jedoch 2021 im Alter von 25 Jahren durch Suizid in Berlin.
Hennig äußerte sich zunächst auf LinkedIn zur dritten Folge: »Die dritte Folge von ›Being Boateng‹ ist kein journalistisches Werk, sondern eine zynische Inszenierung.« Er wirft der ARD vor, Lenhardts Tod als »emotionalen Drehpunkt für Boatengs Erzählung« zu missbrauchen. Zudem wurde die Familie im Vorfeld zu einem Interview befragt, lehnte jedoch mit einer ausführlichen, kritischen Rückmeldung ab – dies sei in der Doku verschwiegen worden.
Im Gespräch mit dem »Tagesspiegel« sprach Hennig im Namen der Familie: »Die Familie ist von Beginn an dem Rat gefolgt, sich selbst nicht zum Teil der Berichterstattung zu machen. Was würde ihr das nutzen? Es bringt ihre Tochter auch nicht zurück.« Die Angehörigen seien entsetzt, wollten aber keine Plattform für Boatengs Heroisierung bieten. Hennig kritisierte die Nutzung glamouröser Modelbilder von Lenhardt, die mit ihrer Tragik kollidierten, und Boatengs »Krokodilstränen« nach einem Bild-Interview, das eine Hasswelle auslöste.
Die ARD habe sich der Kritik nicht ernsthaft gestellt, sagte Hennig. Kurz vor der Ausstrahlung wurden neue Zahlen zur Gewalt gegen Frauen veröffentlicht – ein widersprüchliches Signal. Er fordert den Rückzug der Dokumentation. Auch die öffentliche Aufarbeitung des Falls, einschließlich eines SPIEGEL-Podcasts, sehe er kritisch, da Details den Gerichtsprozess erschwert hätten.